Wachsende Bedeutung von Erdgas für die Stromerzeugung

Die Stromerzeugung mit Erdgas bleibt ein wichtiges Standbein der Energieversorgung in Deutschland. Das belegen aktuelle Zahlen: Im ersten Halbjahr 2020 wurden 48,4 Prozent des hierzulande produzierten Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugt (Vorjahr: 41,1 Prozent). Als einziger fossiler Energieträger konnte Erdgas seinen Anteil ausbauen: von 14,1 Prozent auf 16,2 Prozent. Das bedeutet: Gaskraftwerke haben 2020 deutlich mehr Strom erzeugt als im ersten Halbjahr 2019.

Bei der Betrachtung der Ergebnisse für die erste Jahreshälfte 2020 fällt auf: Die Bedeutung der Kohle für die Stromversorgung nimmt bereits ab. Insgesamt wird der Strom in Deutschland im Jahr 2020 zu 10 Prozent weniger aus Braun- und Steinkohle hergestellt als noch 2019. Da die Stromerzeugung auch insgesamt zurückgegangen ist, dürfte sich das positiv auf die CO2-Emissionen in diesem Energiesektor auswirken.

Auswirkungen von Gaspreis und CO2-Emissionshandel

Erdgas hat damit unter den fossilen Energieträgern die Führungsposition eingenommen. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie nachvollziehbar:

  • Gaskraftwerke emittieren bis zu 70 Prozent weniger CO2 als Braunkohlekraftwerke.
  • Der günstige Gaspreis im ersten Halbjahr 2020 hat die Stromerzeugung mit Erdgas deutlich attraktiver gemacht. In der Merit Order – also der Einsatzreihenfolge von Kraftwerken für die Erzeugung von Strom – sind Gaskraftwerke weit nach vorne gerückt.
  • Der europäische Emissionshandel scheint endlich auf den Strommarkt durchzuschlagen: Durch die Verteuerung der CO2-Emissionszertifikate ist die Stromerzeugung mit Kohlekraftwerken wirtschaftlich weniger häufig rentabel, sie werden aus dem Markt gedrängt. Davon profitieren Gaskraftwerke aufgrund ihrer Effizienz und ihrer klimaschonenden Eigenschaften.
  • Gaskraftwerke sind ideale Partner für die Erneuerbaren, weil sie die volatile Stromerzeugung aus Wind und Sonne stabil und flexibel ausgleichen können.
  • Außerdem stellen Gaskraftwerke systemrelevante Dienstleistungen bereit, die unter anderem den Betrieb der Stromnetze stützen und dazu beitragen, das Netz im Gleichgewicht aus Erzeugung und Verbrauch zu halten.

Mit dem steigenden Anteil von Strom aus erneuerbarer Erzeugung nimmt gleichzeitig die Bedeutung von regelbarer gesicherter Leistung zu: Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, müssen witterungsunabhängige Kraftwerke einspringen. Aktuell sind in Deutschland über 90 Gigawatt (GW) an gesicherter Kraftwerkskapazität installiert – genug, um die deutsche Spitzenlast von ca. 80 GW an Tagen mit besonders hoher Nachfrage zu bedienen.

Versorgungslücke von bis zu 45 Gigawatt

Doch im Zuge des Ausstiegs aus Kernkraft und Kohle werden bis zum Jahr 2030 gut 30 GW an gesicherter Leistung vom Netz gehen. Derzeit ist ein Zubau von regelbaren Kraftwerkskapazitäten in Höhe von neun Gigawatt geplant. Es droht also eine Versorgungslücke, die – betrachtet man die prognostizierten Spitzenlasten für die kommenden Jahre – bis zu 45 Gigawatt groß werden könnte.

Um diese Lücke zu schließen, ist die Fortsetzung des Fuel Switchs von Kohle zu Gas ebenso notwendig wie der Bau neuer Gaskraftwerke. Allerdings werden Investoren nur dann Bau und Betrieb solcher Kraftwerke finanzieren, wenn ein rentabler Betrieb der Anlagen in Aussicht steht. Dies ist allerdings zweifelhaft, solange in Deutschland die Vergütung der Stromerzeugung über einen Energy-Only-Markt geregelt wird.

Stromwende in Süddeutschland

Der Süden ist besonders betroffen vom Atom- und Kohleausstieg. Dadurch steigt die Rolle von Gaskraftwerken und der Bedarf an regionalen Maßnahmen.

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Strommarkt: Vergütung für Kapazitäten?

Dieses Marktdesign bedeutet, dass die Bereitstellung von Reservekapazitäten aktuell nicht vergütet wird – im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, die sich für ein anderes Marktmodell entschieden haben oder ein solches planen. Die Bedeutung dieser Reservekapazitäten wird in Zukunft zunehmen, denn es muss auch dann eine zuverlässige Stromversorgung garantiert sein, wenn die erneuerbaren Energien während einer Dunkelflaute nicht genügend Strom erzeugen.

Ergänzung des aktuellen Strommarktdesigns durch Kapazitätsmechanismus

Eine Ergänzung des aktuellen Strommarktdesigns durch einen Kapazitätsmechanismus kann eine sinnvolle Lösung sein, um den Zubau von Gaskraftwerkskapazitäten anzureizen und so das Entstehen einer Versorgungslücke in Deutschland zu vermeiden und außerdem die verschiedenen europäischen Marktmodelle und -mechanismen zu harmonisieren. 

Zukunft ERDGAS hat Anfang 2020 gemeinsam mit dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI) eine Studie zu diesem Thema vorgelegt, die verschiedene Kapazitätsmodelle beleuchtet. Damit ist die Grundlage für eine offene Diskussion über ein neues Strommarktdesign geschaffen. 

Die wird nötig sein, denn wenn man Planungs- und Bauzeiten neuer Gaskraftwerke berücksichtigt, sollten die ersten Entscheidungen bis Ende 2021 gefallen sein, damit Deutschlands Strommarkt 2030 bereit ist und die Stromversorgung auch langfristig so zuverlässig funktioniert, wie es die Menschen in unserem Land gewohnt sind.

Daneben bleibt die Stromerzeugung mit Erdgas auch in kleineren Maßstäben relevant: zum Beispiel in Mikro-KWK-Anlagen oder in Brennstoffzellen.

Maßnahmen für mehr Versorgungssicherheit

Wie ein zukunfsfähiges Design für den deutschen Strommarkt aussehen kann, stellen wir in der der Broschüre vor.

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