Deutschlands Ausstieg aus der Kohle

Ausgerechnet Deutschland, vor Jahren noch ein Vorreiter im Klimaschutz, kommt bei der Reduzierung seiner Treibhausgasemissionen nur äußerst schleppend voran: Fast alle Sektoren – Industrie, Verkehr und Landwirtschaft – sind von ihren Zielen der Emissionsminderungen (-40 % bis 2020) weit entfernt.

Den größten Anteil an den Treibhausgasemissionen hat nach wie vor die Energieerzeugung: Sie ist für rund ein Drittel der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich. Allein die Stromerzeugung aus Braunkohle hat 2017 rund 158 Millionen Tonnen CO2 verursacht – knapp 73 Prozent unseres jährlichen CO2-Budgets, das sich aus den Zielen des Pariser Klimaabkommens ableiten lässt.

Emissionsminderungen der Sektoren

Studie zeigt: Klimaziel 2020 durch Fuel Switch in den nächsten fünf Jahren erreichbar

"Bis zum Jahr 2020 ist eine 40-prozentige CO2-Minderung nicht mehr ohne tiefgreifende Einschnitte zu schaffen. Wir dürfen jetzt aber nicht den Fehler begehen, den Blick nach dieser Niederlage starr auf das Ziel für 2030 zu richten. Denn je früher wir das für 2020 anvisierte Klimaziel erreichen, desto besser ist es für unser Klima. Jedes heute eingesparte Gramm CO2 kommt uns morgen doppelt zugute. Daher muss uns ein Einstieg in den Braunkohleausstieg in den kommenden fünf Jahren gelingen", fordert Stephan Kohler, Aufsichtsratsvorsitzender von Zukunft ERDGAS.

Im Rahmen einer Kurzstudie zum deutschen Strommarkt des unabhängigen Beratungsunternehmens Aurora Energy Research wurden die Auswirkungen eines teilweisen Ausstiegs aus der Braunkohleverstromung im Jahr 2023 in drei Szenarien analysiert. Das erste Szenario berücksichtigt die Fortführung der Stromerzeugung unter heutigen Bedingungen, während in den beiden anderen Modellrechnungen die Abschaltung von fünf bzw. neun Gigawatt Braunkohlekraftwerksleistung angenommen wird. Das Ergebnis: Durch einen teilweisen Ausstieg aus der Braunkohle, bei dem neben Steinkohle – insbesondere Gaskraftwerke verstärkt eingesetzt werden, ließe sich für die Stromerzeugung eine CO2-Minderung von knapp 43 Prozent im Vergleich zu den Emissionen des Jahres 1990 verwirklichen. Und das zu geringen Mehrkosten von maximal 0,4 Cent pro Kilowattstunde.

Kohleausstieg gelingt mit Gas

Mehr dazu erfahren Sie in der Zusammenfassung der Kurzstudie von Aurora Energy Search.

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CO2-Einsparung als Leitgröße: Emissionsarme und hochflexible Gaskraftwerke besser auslasten

Dazu müssen die vorhandenen Gaskraftwerke aber besser ausgelastet werden. Derzeit werden in Deutschland durchschnittlich 35 Prozent ihrer Leistungskapazität genutzt, während emissionsintensive Braunkohlekraftwerke zu 78 Prozent ausgelastet sind. Die Gründe dafür liegen vor allem im niedrigen Braunkohlepreis und in den nach wie vor geringen CO2-Preisen und damit geringen Effekten bei der Preisbildung.

Im Vergleich zu einem Braunkohlekraftwerk erzeugen Gaskraftwerke dreimal mehr Energie pro emittierter Tonne CO2. Im Stromsektor liegt also ein großer Hebel für mehr Klimaschutz, denn Gaskraftwerke emittieren dadurch bis zu 70 Prozent weniger CO2. Pro Jahr ließen sich so bis zu 110 Millionen Tonnen CO2 einsparen – mehr als alle Treibhausgas-Emissionen der deutschen Haushalte zusammen. Wir brauchen also deutlich mehr Gaskraftwerke, nicht weniger. Denn als zweite tragende Säule neben den Erneuerbaren wird Gas zukünftig unverzichtbar.

CO2-Emissionen des Stromsektors nach Brennstoff

Gaskraftwerke und grünes Gas als Rückgrat der Energiewende

Das zeigt sich besonders in Zeiten "kalter Dunkelflaute", bspw. einem kalten Winterabend (kalt, dunkel, windstill): Auch wenn die Windräder stillstehen und der Himmel bedeckt ist, muss die Energieversorgung gewährleistet sein. Als hochflexibles Backup wird das 2050 nach Angaben der Deutschen Energie-Agentur (dena) allein die Gaskraftwerksflotte leisten können. Bis zu 54 GW zusätzliche Leistung werden bis dahin benötigt. Dabei wird auch grünes Gas eine zunehmend wichtige Rolle spielen.

Zusätzlich bietet die bestehende Infrastruktur einen wertvollen Beitrag zur Energiewende, denn die Power-to-Gas-Technologie – die Umwandlung von erneuerbarem Strom in grünes Gas – ist der derzeit einzige verfügbare Langzeitspeicher für Wind- und Sonnenenergie. Das Stromnetz wird dadurch deutlich entlastet, denn im Gasnetz kann der gespeicherte Öko-Strom dorthin transportiert werden, wo er gebraucht wird.

Drei Maßnahmen, damit wir die Klimaziele schaffen

Fest steht: Keine andere Maßnahme in der Stromerzeugung senkt kurzfristig mehr CO2 pro eingesetztem Euro als der Ersatz von Braunkohle durch Gas. Aus Sicht der deutschen Gaswirtschaft sind dazu drei Schritte notwendig:

  • Bestehende Gaskraftwerke absichern: Die bestehenden Gaskraftwerke werden in der Energiewelt der Zukunft dringend zur Absicherung der vornehmlich erneuerbar geprägten Stromerzeugung gebraucht. Gaskraftwerke, die heute wegen Unwirtschaftlichkeit aus dem Markt gehen, stehen für diese wichtige Rolle in der Zukunft nicht mehr zur Verfügung. Es bedarf daher Maßnahmen, die ein weiteres Abschmelzen der Gaskraftwerkskapazitäten verhindern.
  • Alte Kraftwerke vom Netz nehmen. Die emissionsintensivsten Kraftwerke müssen aus dem Markt gehen, indem die CO2-Einsparung zur zentralen Leitgröße wird. Im Rahmen einer CO2-Stillegungsprämie würde das einzusparende CO2-Budget ausgeschrieben und die Betreiber, die CO2 am günstigsten stilllegen können, erhielten den Zuschlag. So werden die Emissionen im Strommarkt schnell und kostengünstig gesenkt.
  • Kleine dezentrale Gaskraftwerke zubauen. Hier liegt die Zukunft der Energieversorgung: Dezentrale KWK-Gaskraftwerke können regionale Schwankungen im Stromangebot ausgleichen und so einen wesentlichen Beitrag zur Netzentlastung und zur Stabilisierung des Stromsystems leisten. Zudem erzeugen sie Wärme und erreichen damit Brennstoffnutzungsgrade von über 80 Prozent, was sie zu einem hocheffizienten und flexiblen Rückgrat der Energiewende macht.

Eines wird deutlich: Wir können die selbstgesteckten Ziele im Stromsektor zeitnah und kostengünstig erreichen. Alles, was es jetzt dafür braucht, ist ein Wechsel von Braunkohle zu emissionsarmen Energieträgern wie Gas. Die notwendige Infrastruktur für das Gelingen der Energiewende steht uns bereits zur Verfügung. Es bestehen also gute Aussichten für unser Klima.

Dr. Norbert Azuma-Dicke
Leiter Public Affairs
Tel.: 030 4606015-70

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