Erneuerbare und Gas gehen Hand in Hand

Warum ist der deutsche CO2-Ausstoß trotz Energiewende in den letzten Jahren kaum gesunken?

Die Agenda der Energiewende bestand lange nur aus einem Aspekt: Den Anteil von Erneuerbaren Energien – Wind und Sonne – im Stromsektor zu erhöhen. Diese Fokussierung rächt sich jetzt, wie die Bilanz zum CO2-Ausstoß zeigt. Klimaschutz ist mehr als nur der Ausbau der Erneuerbaren. Regenerative Energien sind ohne Zweifel das Fundament des Energiesystems der Zukunft, die Energiewende muss aber schon heute auf wirksamen Klimaschutz ausgerichtet werden. Und das bedeutet, Maßnahmen umzusetzen, die sofort greifen und zukunftsfähig sind. Andernfalls laufen wir Gefahr, unsere Klimaziele zu verfehlen.

CO2-Ausstoß in Deutschland

Das CO2-Budget 2019 war bereits am 27. März aufgebraucht.

CO2-Budget

Wie können wir bereits heute CO2 einsparen?

Wir müssen die uns zur Verfügung stehenden Technologien nutzen. Strom aus Braunkohle ist für 20 Prozent unserer CO2-Emissionen verantwortlich. Wenn wir den CO2-Ausstoß zügig senken wollen, muss der Anteil des Braunkohlestroms reduziert werden. Der Gaskraftwerkspark kann diese Kapazitäten auffangen. Allerdings ist das nicht die einzige CO2-Baustelle. Ein weiteres Sorgenkind ist der Verkehr. In Sachen Emissionen treten wir hier seit fast 30 Jahren auf der Stelle. Ein Wechsel von Benzin auf Gas würde den CO2-Ausstoß um rund 25 Prozent senken, mit Grünem Gas ist sogar CO2-neutrale Mobilität möglich. Auch Feinstaub und Stickoxid wären dann kein Thema mehr.

Erfolgreiche Energiewende

Im Energiesystem der Zukunft spielen Gastechnologien eine wichtige Rolle.

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Wir brauchen effiziente Gastechnologien, um unser CO2-Budget einzuhalten. Jedes eingesparte Gramm zählt. Eine reine Elektrifizierungsstrategie wird erst langfristig Klimaschutzerfolge zeigen, von den Mehrkosten im dreistelligen Milliardenbereich ganz zu schweigen. Die Gasinfrastruktur ist daher für die Energiewende unverzichtbar. Und je mehr regeneratives Gas genutzt wird, desto grüner wird auch Gas: Heute dank BIO-ERDGAS, morgen durch synthetisches ERDGAS oder Wasserstoff.

Erneuerbare Gase sind wettbewerbsfähig

Die Wirkungsgrade und die Kosteneffizienz von Power-to-Gas wird sich in den kommenden Jahren signifikant verbessern.

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Es ist eine steife Brise aufgezogen. Kräftig und gleichmäßig weht der Westwind. Ideale Bedingungen also für den Windpark nahe der Nordseeküste. Doch keines der Räder dreht sich. Die Anlagen stehen still. Spaziergänger, die mit dem Wind kämpfen müssen, wundern sich: Was ist da los? Umweltfreunde sind empört: Warum wird ausgerechnet jetzt kein Strom produziert, wo die Ausbeute am höchsten wäre?

Die Anwohner kennen das freilich. Immer wieder werden die Anlagen vom Netz genommen und die Rotoren aus dem Wind gedreht. Und nicht nur in Dithmarschen. Landauf, landab werden gerade dann, wenn die Wetterbedingungen ideal sind, hunderte, wenn nicht tausende von Windkrafträder abgeregelt. Das deutsche Stromnetz ist zu Spitzenzeiten immer häufiger überlastet, es kann die Mengen an Windstrom oft einfach nicht mehr aufnehmen. 

Doch es gibt zahlreiche Möglichkeiten, überschüssigen erneuerbaren Strom zu nutzen. Damit lässt sich beispielsweise Wasserstoff erzeugen, der in das Erdgasnetz eingespeist wird und private Haushalte und Firmenkunden versorgt. Das deutsche Erdgasnetz hat eine ungeheure Kapazität. Es kann Wasserstoff aufnehmen, der einer Windstrom-Erzeugung von mehreren Milliarden Kilowattstunden entspricht. "Power-to-Gas" heißt die Umwandlung von Strom aus erneuerbaren Quellen in Wasserstoff. 

"Auch als Kraftstoff lässt sich Wasserstoff verwenden in Autos, Bussen und Lastwagen, die einen Brennstoffzellen-Antrieb haben", erläutert Hannes Seidl. Er ist bei der Deutschen Energie-Agentur (dena) verantwortlich für die Strategieplattform Power to Gas. Nicht zuletzt ist Wasserstoff Rohmaterial für die Chemie. Er kann bei der Produktion vieler Chemikalien andere Rohstoffe ersetzen.  

Umdenken ist notwendig

Mithin lässt sich Wasserstoff, der mit Grünem Strom erzeugt wird, in vielfältiger Weise verwenden. Experten wie Professor Michael Sterner von der OTH Regensburg sprechen daher von Power-to-X. "Die technischen Verfahren sind reif für die Markteinführung", sagt Sterner. "Der große Hemmschuh sind die Abgaben. Unternehmen, die die Power-to-Gas-Technologie anwenden, werden behandelt wie Endverbraucher. Sie müssen die gleichen Steuern und Abgaben zahlen", erläutert Professor Sterner. Das sei ein grundlegender Fehler im System. Denn Unternehmen, die mittels Windstrom Wasserstoff gewinnen, wandeln ja nur einen Energieträger in einen anderen um.  Damit sich Power-to-X-Technologien durchsetzen können, ist ein grundsätzliches Umdenken notwendig vor allem in der Politik. "Nicht Strom, sondern Energie muss auf seinem Weg zum Verbrauch betrachtet werden", sagt Peter Röttgen, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE). Bislang werden die verschiedenen Energieträger als weitgehend getrennte Bereiche betrachtet. Power-to-Gas-Technologien überspringen jedoch die traditionellen Grenzen zwischen den einzelnen Energiesektoren, insbesondere zwischen Strom und Gas.  

Strom im Wärmemarkt

Die Energiewende kann nur mit einem beidseitigen Zusammenwachsen des Strom- und des Wärmesektors gelingen.

Zu Strom im Wärmemarkt

Den richtigen Rahmen schaffen

Auf eine solche Koppelung sind Wirtschafts-, Energie- und Steuerpolitik bislang nicht eingestellt. „Das alte regulatorische System baut noch immer auf einem überkommenen Verständnis des Energiesystems auf und wird jetzt zum ernsthaften Bremsklotz für Innovationen“, stellt Björn Spiegel fest, Leiter Politik und Strategie bei der Arge Netz, einem der führenden deutschen Unternehmen für erneuerbare Energien. "Power-to-X-Lösungen mit Erneuerbaren werden mit hohen EEG-Altlasten, Netznutzungsentgelten, Stromsteuer und sonstigen Abgaben und Umlagen sanktioniert", klagt Spiegel. 

Experten halten dies für die größte Hürde zur Durchsetzung von Power-to-Gas. "Steuern und Abgaben machen rund 50 Prozent der Stromkosten aus", sagt Experte Seidl von der dena. Hieraus muss die Politik endlich die Konsequenzen ziehen, sonst werde der Kampf gegen den Klimawandel unnötig erschwert. "Es gilt nun den Rahmen zu schaffen, der Innovationen nicht benachteiligt", sagt Röttgen vom BEE. 

Dr. Norbert Azuma-Dicke
Leiter Public Affairs
Tel.: 030 4606015-70

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